Mit Google übersetzen
English EN Français FR Deutsch DE Italiano IT Español ES

Das European Narrative
& Europas Wurzeln in Kulturreisen entdecken

(10) Wasser – ewig fließe es in die ewige Stadt!

25. Mai 2020

„Wir kommen nach Rom mit großen, ja ungeheuerlichen Erwartungen …

… und finden uns, was auf der Welt selten geschieht, nicht betrogen“.

Mit diesen Worten beginnt Werner Bergengruen 1949 sein „römisches Erinnerungsbuch“. Und wir haben es durch acht Jahre hindurch, die wir in Rom leben durften, genauso empfunden.

Man wird ständig beschenkt, oft auch völlig unerwartet, wenn man den Zeugen der klassischen Antike nachspürt und besonders, wenn man sich von den Trampelpfaden des Massentourismus absondert und verborgene Schätze sucht. Zu diesen gehören zweifellos die römischen Wasserleitungen, die in majestätischen Bogenstellungen aus Osten, aus dem gebirgigen Landesinneren, der Urbs zustreben.

Jahrtausende alte Bauwerke von stiller Größe in einer agrarisch-bukolischen Landschaft direkt vor den Toren Roms: dieser Gegensatz lässt kaum jemanden gleichgültig, der diesen Ausflug in die Campagna Romana unternimmt. Die Römer vermochten es, auch baulichen Anlagen rein technischer Natur eine Dimension der Grandiosität zu verleihen. Das technisch Angemessene und Sinnvolle und wird unter ihren Händen zum Kunstwerk, welches von der Größe Roms kündet. Wenn die Aquädukte nur noch bruchstückhaft erhalten sind, so erweist sich an ihnen doch der Satz, den ein Humanist des 15. Jahrhunderts geprägt haben mag und der als Motto über dem Eingang des Teatro Olimpico in Sabbioneta bei Mantua geschrieben steht: ROMA QUANTA FUIT IPSA RUINA DOCET (wie groß Rom einst war, davon legt selbst noch die Ruine ein beredtes Zeugnis ab). Und Goethe meinte dasselbe, wenn er kurz nach seiner Ankunft in Rom 1786 feststellte: „man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen“.

 In der römischen Kaiserzeit führten 11 Aquädukte enorme Wassermengen in die Hauptstadt, sodass – wie man errechnet hat – ungleich mehr Liter pro Kopf auf jeden Einwohner kamen als in der Mitte des 20. Jahrhunderts! Die Quellen, aus denen man schöpfte, waren zwischen 17 km und 91 km von Rom entfernt. Erbracht wurden diese ingenieurtechnischen Meisterleistungen zwischen 300 v. Chr. (!) und 230 n. Chr. Drei der Aquädukte funktionieren dem Vernehmen nach noch heute und versorgen einige Brunnen und die Haushalte in gewissen Bezirken des Stadtzentrums von Rom verlässlich, wovon wir in den späten Achtzigerjahren selbst noch Zeugen waren.

Jeder Besuch der römischen Wasserleitungen beginnt bei diesem grandiosen Bauwerk in weißem Travertin unweit des römischen Hauptbahnhofes: bei der Porta Maggiore. Zwei übereinander liegende Wasserleitungen – die Aqua Claudia und den Anio Novus – überqueren hier die Via Praenestina und die Via Labicana, zwei an dieser Stelle zusammen verlaufende altrömische Konsularstraßen.

Drei eindrucksvolle Inschriften erzählen die Geschichte der Porta Maggiore: Bauherr war Kaiser Claudius (die oberste Inschrift nennt das Jahr 52 n. Chr.), Restaurierungen erfolgten unter seinen Nachfolgern Vespasian im Jahr 71 und Titus im Jahr 81. Mit diesen Namen verbindet man als Europäer Weltgeschichte! Im warmen Abendlicht die Porta Maggiore in Ruhe zu betrachten und die einstige Größe des Imperium Romanum auf sich wirken zu lassen, das ist höchstes, unverlierbares Glück! Mit etwas Geduld und einem Zoom lassen sich die Inschriften recht gut entziffern:

Bauten dieser Art hat der römische Staat nicht nur in der Hauptstadt hinterlassen, sondern auch in den Provinzen: man denke nur an den Pont du Gard in Gallien und das berühmte doppelstöckige Aquädukt in Segovia in Hispania. Höchste Beamte – der berühmteste war Sextus Iulius Frontinus im späten 1. Jh. n.Chr. – und ein Heer von Technikern und Facharbeitern kümmerten sich ständig um diese staatspolitisch wichtige, weil systemerhaltende Infrastruktur. Die „Barbaren“ bewunderten Rom grenzenlos für die großartig funktionierende Wasserversorgung, war sie doch die Grundlage für eine Lebensqualität – man denke nur an die öffentlichen Bäder, die jede römische Stadt besaß – wie sie außerhalb des Reiches nicht existierte.

Ich hoffe, meine Bilder und Gedankensplitter haben euch Freude bereitet. Vielleicht folgen weitere, obschon wohl nicht in der regelmäßigen Folge wie während der Corona-Krise, die wir doch hoffen, bald hinter uns zu haben…

Print Friendly, PDF & Email
Aktuell
Music
Harpsichord

*J. S. Bach, das Wohltemperierte Klavier, Teil I, Präludium in C-Dur, gespielt von Huguette Dreyfus auf einem historischen Cembalo (Foto). Wir sind der Künstlerin, einer engen Freundin, verstorben 2017, dankbar für die liebenswürdige Erlaubnis, ihre Aufnahme zu verwenden.