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Das European Narrative
& Europas Wurzeln in Kulturreisen entdecken

(9) Dionysische Notizen

18. Mai 2020

Nicht immer geht es in der Kunst der Antike nur um …

… Schönheit, Anmut und Ebenmaß, um „edle Einfalt und Stille Größe“, wie es Johann Joachim Winckelmann nannte, eben das Apollinische. Nein, die Griechen liebten in ihrer überbordenden Fantasie auch das ganz andere, das düster Ungeordnete, das Dionysische eben. Halbtierische Fabelwesen tummeln sich dort, die gewalttätigen Kentauren etwa, die einen menschlichen Oberkörper mit einem Pferdeleib kombinieren. Die Vorstellung von Naturdämonen verbindet sich da vielleicht mit der dunklen Ahnung von einer wilden, fremdartigen Urbevölkerung von Pferdezüchtern in den Gebirgsregionen Thessaliens. Werfen wir einen Blick auf diese Kentauren:

Im ersten Augenblick könnte man glauben, auf diesem Bild von frappierender Lebendigkeit und Unmittelbarkeit seien Faune oder Satyrn dargestellt – die breiten Gesichter mit Stupsnase und Eselsohren weisen darauf hin – bei näherem Hinsehen erkennt man aber die Pferdeleiber. Mehrere aufgeregt gestikulierende Kentauren, denen die Lüsternheit ins Gesicht geschrieben ist, wollen sich gerade an einem wunderschönen Mädchen vergreifen. Der Heroldsstab und die Flügel weisen sie als die Götterboten Iris aus. Die Kentauren wissen das natürlich nicht und haben in ihrer triebhaften Begehrlichkeit nur ein einziges Ziel vor Augen; sie werden es nicht erreichen, sondern für ihre Hybris bestraft…

Dieses Bild wurde etwa 480 v. Chr. von einem der besten Vasenmaler Athens, den die moderne Wissenschaft Kleophrades-Maler nennt, auf eine Trinkschale besonderer Form, einen Skyphos, gemalt (leider ist er nur unvollständig erhalten). Die Schale wurde beim Trinkgelage, beim Symposion, verwendet: in unserem Fall nicht von einem Griechen, sondern einem Etrusker, denn das Gefäß wurde in einem Grab in Cerveteri nördlich von Rom gefunden. Nach letztem Forschungsstand ist es der älteste Skyphos in rotfiguriger Bemalung, den man kennt! Das Stück ist im Archäologischen Nationalmuseum in Florenz zu bewundern.

100 Jahre später, also um 380 v.Chr., hat ein bedeutender griechischer Künstler in Süditalien diese bruchstückhaft erhaltene Vase bemalt, die ebenfalls einen wilden Kentauren zeigt: er heißt Nessos und hat versucht, die Geliebte des Herakles, Dejaneira, zu rauben bzw zu vergewaltigen, und zwar unter dem fadenscheinigen Vorwand, sie freundlicherweise schwimmend über einen reißenden Fluss hinüberzutragen. Herakles bemerkt indessen diese List sofort und trifft den liebestollen Kentaur mit seinen Pfeilen. Der erschreckte Gesichtsausdruck des tödlich verwundeten Nessos ist eindrucksvoll dargestellt: ein Meisterwerk des eleganten spätklassischen Stils, wie man ihn in dieser Zeit viel häufiger in den Griechenstädten Süditaliens – etwa Tarent oder Metapont – findet als im Mutterland: ein Umstand, der mich seit 40 Jahren mit Staunen und Bewunderung erfüllt. Dieses herrliche Stück ist heute im Musée d’Art et d’Histoire in Genf zu bewundern.

Hier sehen wir eine etwa 25 cm hohe römische Silberkanne, die im 1. Jahrhundert n. Chr. hergestellt wurde. Wieder ist ein Kentaur dargestellt, und zwar in Treibarbeit. Hier geht es nicht um Frauenraub, sondern um Kampf: ein nackter Jüngling ringt mit dem Kentauren: die Römer liebten das Thema der Kentauromachie, des Kampfes zwischen Griechen bzw Römern und barbarischen Kentauren, sie verwendeten dieses Motiv sehr häufig auf Marmor-Sarkophagen. Unser Silberkännchen ist von hoher Qualität: man betrachte nur in Ruhe die Schönheit des Pferdeleibes, aber auch den jungen Epheben! Wie er den Kentauren mit den Armen umfasst, hat fast etwas Spielerisches, und dabei schaut er irgendwie verträumt nach oben. Da stellt man sich die Frage, ob hier tatsächlich ein todernster Kampf oder nicht eher eine ganz andere Szene dargestellt ist: es gibt nämlich neben den wilden, gewalttätigen Kentauren noch einen ganz anders gearteten Artgenossen von Ihnen, der aber eigentlich ein Halbgott ist, Chiron, den mit Heilkraft ausgestattenen weisen Erzieher mehrerer berühmter Helden, insbesondere des Achilles. Sollte hier vielleicht das beliebte Thema der Erziehung des jungen Achill durch Chiron, also eine Kampfübung, gemeint sein? Andererseits setzt der Kentauren gerade dazu an, einen Stein zu schleudern…

Die Kentauren waren in der Antike zweifellos ein Paradigma für die unzivilisierten, gewalttätigen Barbaren, von denen sich Griechen und Römer stets betont abgrenzen wollten. Gleichzeitig hat man aber wohl die Urkraft und ungezügelte Freiheit dieser Mischwesen auch bewundert, spürte man doch, dass in jedem Menschen das urtümlich Triebhafte – das Dionysische – und das rational Bewusste – das Apollinische – durchaus nebeneinander existieren…
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*J. S. Bach, das Wohltemperierte Klavier, Teil I, Präludium in C-Dur, gespielt von Huguette Dreyfus auf einem historischen Cembalo (Foto). Wir sind der Künstlerin, einer engen Freundin, verstorben 2017, dankbar für die liebenswürdige Erlaubnis, ihre Aufnahme zu verwenden.